Als ich Vierundzwanzig war, war ich mal sehr müde.

Obwohl ich früh schlafen ging und schlief wie ein Stein, kam ich morgens nicht aus dem Bett, wenn der Wecker klingelte.

Ich fühlte mich wie in Beton gegossen. 

Weil ich so müde war, wurde ich unkonzentriert und habe wahlweise alles Mögliche vor mich hingeschoben oder schlicht vergessen, was eigentlich zu erledigen gewesen wäre. Das wiederum sorgte dafür, dass ich Ärger bekam und begann, an mir zu zweifeln. Wie konnte das sein? Werde ich dement? Mit Mitte Zwanzig?

Ich beschloss, einen Arzt aufzusuchen. Viellicht eine Infektion, wer weiss? Der Mediziner stellte mich sprichwörtlich „auf den Kopf“, konnte jedoch nichts finden. Ich wechselte – diesmal zu einer Ärztin – , die mich ernst ansah und mich fragte: „Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, dass Sie eine Depression haben könnten?“ 

Hatte ich nicht. Und kam auch gar nicht in die Tüte!

Kam es doch. Ich nenne sie Waltraud und sie begleitet mich wie meine gleichnamige mahnende Tante, die insistiert, dass ich auf mich aufpassen soll.

Neulich erzählte mir jemand „aber ganz im Vertrauen“, dass es ihm psychisch nicht so gut ginge und er glaube, an einer Depression zu leiden. Er sagte dies in einem Flüsterton, mit dem man ansonsten über fiese Geschlechtskrankheiten raunen würde. Und das solle unter uns bleiben. 

Ein von mir sehr verehrter Musiker sagte dazu, dass es mehr Leute geben müsste, die offen kommunizieren, wenn es ihnen nicht gut gehe. Ich stimmte zu. Gleichzeitig dachte ich darüber nach, wie offen ich eigentlich bin und warum nicht. 

Ganz ehrlich, ich schätze, dass ich mehr mittelalte Menschen mit psychischen Erkrankungen kenne als ohne. Aber das ist nur eine Schätzung, selbstverständlich.

Es ist verrückt. Niemand käme auf die Idee, sich für sein Magengeschwür von zu viel Arbeit zu schämen. Niemand käme auf die Idee, sein gebrochenes Bein nicht behandeln zu lassen, weil der damit verbundene Unfall unangenehm gewesen ist. 

Vierundzwanzig Jahre. Das ist mein halbes Leben. An manchen Tagen bin ich sehr müde. An anderen sehr früh wach. Und manchmal schlaf ich einfach aus.

Hierzu serviert der Autor:

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